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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Hinter dem Tunnel die Freiheitvon Marcel Nebeling21.8.04
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Hinter dem Tunnel die Freiheit





Es ist Sommer, die Sonne ein gläserner Ball am Horizont, fern und dennoch so nah. Sie liegt im hohen Gras, das zum leichten Wind tanzt. Das junge Mädchen, versunken in der Melodie des Lebens, während das Land um sie herum in tausend Stücke zerbricht. Sie ist gezeichnet davon und dennoch, sie will träumen, weg von den Bomben, von dem Donnern, mal fern, mal tödlich nah. Dann die Hitze und zum Schluss nur noch eine ewige Schwärze. Es ist Krieg im Land der aufgehenden Sonne, und dieses kleine Mädchen, es liegt dort im Gras - versunken in tausend Fragen, die ihr Leben bestimmen. An jenem Sommertag jedoch gab es nur eine Frage, die immer wieder kehrte. Eine Entscheidung, die gefällt werden musste, die sie dazu brachte, immer wieder nach Westen zu sehen, dort, wo der dunkle Schatten des langen Tunnels wartete. Denn dahinter lag Freiheit und Frieden.

Yo Mi Wan, ihr Name, ihre Augen groß, schwarz und so unschuldig. Und erst gestern hatte sie die andere Seite des Lebens entdeckt, als ihr Vater von der Polizei verschleppt wurde. In dem kleinen Haus am Berg, ihrem zu Hause. Das war nicht weit von hier, wo sie im Gras lag und leise weinte, während tausend Fragen durch ihren Kopf stoben.

Das plötzliche Klopfen, erst höflich, aber bestimmt. Die Augen ihres Vaters, das Entsetzen, die Angst eine deutliche Spur der Trauer, als er plötzlich flüsterte: „Yo, lauf! Hinten raus, aber schnell!“ Wieder das Klopfen, dieses mal voller Kraft, ungehalten, ohne Geduld und voller Wut. Dazu ein wildes Japanisch, hier und da englische Sprachfetzen. Doch die kleine Yo verstand nichts von alledem. Aber die Augen ihres Vaters sagten mehr als tausend Worte, waren wie große Alarmleuchten, die plötzlich blinkten. Sie rannte, das schwarze Kleid wehte im Wind.

Mit ihren zehn Jahren war sie noch nicht sehr groß und die Gräser, ein grünes, weiches, scheinbar unendlich großes Meer umschlang sie, strich durch ihr Gesicht, als sie einfach rannte. Sie kannte die Gegend hier vom Spielen, aber als sie die Rufe hinter sich hörte, dann das Splittern des Holzes der Haustür und schließlich, die Schreie ihres Vaters, weinte sie und rannte, rannte und weinte, einfach fort, nur irgendwohin.

Das Unterbewusstsein mochte ihr einen Streich gespielt haben, wie sonst kam es, dass sie einen Platz der Trauer aufsuchte? Hier war ihre Mutter verschleppt worden, wie man sagte. Aber was bedeutete das? Verschleppt? Sie hatte gefragt, aber ihr Vater hatte nicht sprechen können. „Sie kommt wieder.“, war das Versprechen seinerseits gewesen. Aber das war doch schon so lange her, wie lange mochte Papa wohl gemeint haben?

Der Wind flüsterte in ihr Ohr, eine süße Melodie, eine Art Gedicht über die Freiheit. Sie schloss die Augen, dort im Grase hin und her schaukelnd, als wolle sie sich in den Schlaf wiegen. Den Schlaf des Vergessens, der Flucht. Der Tunnel, ein großes schwarzes Rohr, in der Mitte ein weißer Punkt, das Licht von der anderen Seite, wo die Freiheit wartete. „Hinter dem Tunnel die Freiheit“, murmelte sie. Woher kamen diese Worte? Von ihrer Mutter? Sie glaubte sich ganz neblig an einen Abend erinnern zu können. Sie mochte damals fünf gewesen sein, vielleicht aber auch schon älter. Jedenfalls hatte sie ihre Eltern belauscht, als die gestritten hatten. Wahrscheinlich davon erwacht, hatte sie gehorcht und dennoch nicht verstanden.

„Bald wird dieses Land nur noch Feuererde sein!“, hatte ihre Mutter heraus gepresst.

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