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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Vom Raben des Friedensvon Marcel Nebeling29.4.04
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Vom Raben des Friedens





Als der Himmel von blau ins Rot der Abenddämmerung verwischte und die ersten Stimmen der Nacht erwachten, begann sich in mir etwas zu regen. Meine scharfen Augen zogen über die Felder, auf der Suche nach dem Schwarz der Dunkelheit, nach dem Vergessen. Der Wind rüttelte an den Ästen des Baumes und ich spreizte die Flügel. Im nächsten Moment segelte ich in den unendlichen Tiefen und Höhen des anbrechenden Abends, zog über das Feld hinweg, über Straßen, über Bäume, Wiesen, Berge, Hügel, immer weiter, ziellos und getrieben von diesen Stimmen. Es war ein sinnliches Wispern, das jedoch im nächsten Augenblick zu einem tiefen Grunzen abfiel, um dann in beißende Höhen und Höllengeschrei zu entschweben.

In der Luft spürte ich die Hitze eines Tages, der dieser Welt nicht vergönnt war und ohne den sie dennoch ausgekommen wäre. Ohne die Zerstörung eines jeden Tages, würde diese Welt voll Leben leuchten!

Ich zog tiefer durch die Gassen, wo nur noch das Laub raschelte. Über den Asphalt gesäumt von Ruinen, Straßen, geziert mit den Reliquien einer vergangenen Zivilisation: Dreck, Abfall, zersplittertes Glass, zerbeulte und verrostete Fahrzeuge. Dazwischen die leblosen Körper, dahin geschlachtet und verloren, ihre Seelen dazu verdammt in der Sinnlosigkeit des Todes zu schweben.

Die Stimmen wurden lauter und lauter, bis ich auf einem der zahllosen Dächer landete und dort für ein paar Minuten dem Donnern meines Herzens lauschte. Ich versuchte diese Stimmen, die forderten und gnadenlos Kommandos keischten, zu verdrängen.

Im Westen war der feuerrote Ball am versinken. Die Kraft des Lichts hatte dieser Welt Leben geschenkt, dass die Dunkelheit nahm.

Die Stimmen brüllten in tausend verworrenen Sprachen, doch ich konnte mich ihrer Bedeutung nicht entziehen. Es waren die Götter die zu mir sprachen, mich befehligten, auf dass ihr Wille geschehe. Bote sollte ich sein! Die Botschaft des Untergangs dieser Welt sollte ich verneinen, sollte statt dessen, die letzten Überlebenden im Gewirr der Städte und den anderen geschwulstartigen Ausuferungen der Zivilisation finden. Die Botschaft vernahm ich wohl, sie sprengte mir durch Mark und Bein, bis in die äußersten Spitzen meiner Flügel, doch der Wille versiegte.

Angst bebte in mir, gefolgt von Hass. Was mochten die Götter schon davon verstehen, was es hieß ein Rabe zu sein? Wussten sie um Schrot? Kannten sie das Gefühl zu verstehen, dass du das Abbild des Teufels bist? Sie waren doch selbst Führer einer Gesellschaft, die sich verselbständigt hatte und nicht mehr den Kräften ihrer Allmacht Untertan spielte! Die Zeit des Glaubens war vorbei, die Realität war kalt, grau und tödlich. Gesprenkelt von den beißenden Gerüchen einer aufstrebenden Gesellschaft, die ertrank in den Abwässern aus Gift und dem Grundwasser angereichert mit strahlenden Substanzen. Dazwischen wir, die Boten des Himmels, die man mit Füßen trat. Wo war der Sinn diesen letzten Flug zu wagen?

Nun herrschte die Dunkelheit der Nacht und die Welt wirkte wie eine Urne, schwarz und beißend vom Geruch des Todes. Der Wind wimmerte sein Klagelied und das Leben war nichts Anderes als eine blasse Erinnerung. Sieben Tage diese Welt zu erschaffen, sieben Tage um sie dahin zu raffen.

Dennoch zuckte und rupfte diese andere Macht an meinen Flügeln, schuppste mich vom Dach und ich zischte zu Boden, um dann über den Asphalt zu schweben. Als der Mond seinen weißen Totenschädel am Firmament erleuchten ließ, hörte ich die Stimmen ein letztes Mal. Dieses Mal deutlich: Flieg, Rabe, flieg! Hoffnung ist wie ein Tuch, wenn du es fallen lässt, gibt es noch eine Chance, es vor dem zu Boden fallen aufzufangen.

So schlug ich mit aller Kraft, schraubte mich empor, segelte über das dunkle Grau aus Betonmonstern einer Gesellschaft, deren letzte Tage verrannen.

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