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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Abschiedvon Marcel Nebeling21.2.04
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ABSCHIED


Machen Sie sich viel Gedanken über die Menschen, die an Ihnen vorbei kommen, wenn Sie durch die Stadt laufen? Nun, ich eigentlich auch nicht. Aber schauen Sie, genau da fängt meine Geschichte an, mitten in der Sonne, mitten im Nirgendwo einer riesigen Stadt. Es war ein typischer Sommermorgen gewesen. Menschen in T-Shirts, Autos mit heruntergelassen Fensterscheiben; brüllende Stereoanlagen, CD-Wechsler im Kofferraum, die der Hitze strotzten.

Die Bushaltestellte war nicht sehr belebt, wahrscheinlich wollte keiner an diesem Tag irgendwo hin, dachte ich so bei mir, als mein Blick auf ein Mädchen fiel. Es war ein seltsamer Blick, den ich ihr schenkte. Vielleicht abschätzend, vielleicht aber auch voll von Verträumtheit, oder aber auch erfüllt von Angst. Angst wegen dem, was vor mir lag. Morgen würde ich um die gleiche Zeit, so dachte ich, im Bett liegen, in einem Zimmer nahe der Universität und heulen, weil ich das erste Mal meine Familie verließ. Ja, ich bin so ein kindischer Kerl, der nicht loslassen kann. Umso schlimmer erscheint es mir auch jetzt, dass ich damals nicht verstand.

Jedenfalls lief ich zu dieser Bushaltestelle und beobachtete, wie das Mädchen dort saß und, es war zu offensichtlich in ihrer Haltung, - weinte. Ihre langen schwarzen Haare hingen ihr wie ein dunkler Schleier ums Gesicht und dennoch, glaubte ich die Lippen zittern zu sehen. Meine Tasche war nicht schwer, denn die ganzen Sachen hatten wir schon vor zwei Wochen weggebracht. Manche per Post, andere mit dem Wagen. Die ganze Familie war stolz darauf, dass ich es auf eine Uni schaffte, wo andere nur von träumten. Nicht Harvard, nichts so Hochgestochenes. Sagen wir, einfach eine Uni, wobei es nicht wichtig ist, denn der nächste Tag war gleichzeitig auch das Ende meiner Studienlaufbahn.

Als ich mich an das andere Ende der Bank setzte, sah sie nicht auf. Doch ich merkte, wie sie ihre Tränen aus dem Gesicht wischte. Meine Eltern hatten mich zu Hause verabschiedet, weil ich darauf bestanden hatte. Ich wollte keine langen Abschiedsszenen, ich wollte keine weißen Taschentücher, keine Tränen, keine guten Wünsche; - ich wollte jemand Anderes werden. Jemand, der auch alleine etwas schaffte, ohne immer dem Wunsch nachzugehen, andere glücklich zu machen. Es war ein seltsamer Wunsch, der mich da durchdrängte. Aber gut, ich war 19 Jahre, ich war bereit die Welt zu erobern. Zumindest dachte ich das.

Das Mädchen schluchzte nun, in dem sie sich nicht rührte, dort saß und einfach im Inneren ihre Seele verbrannte. Anfangs war es mir unangenehm. Ich wusste nichts anderes zu tun, als Stift und Papier zu nehmen, sie verstohlen zu beobachten. Der Bleistift in meinen Fingern erwachte zum Leben und ich begann sie zu zeichnen. Jedoch nicht, das Mädchen dort neben mir. Nicht diese Trauergestalt, sondern, so verstand ich, das Mädchen, das sie gewesen war, bevor alledem.

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