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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Die Symbiose von Literatur und Anziehungskraftvon Sina Meißgeier07.2.10
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Kommentar des Autors:
Einfach nur ein paar Gedanken gekoppelt an was Prosaisches...wurde nicht wirklich mit dem Ziel geschrieben, ein Essay zu sein...eine andere Kategorie, die passt, finde ich leider nicht...

Die Symbiose von Literatur und Anziehungskraft



Ein Zusammenleben zum beiderseitigen Vorteil und nachweislich für die Ewigkeit? Oder ist es doch nur temporäre Attraktivität, ein kleines Sicherheitsgefühl, eine parapsychologische Verständigung, möglicherweise sogar Abhängigkeit?

Vielleicht hat mancher schon einmal das Gefühl verspürt, mit einem anderen Menschen, der wie man selbst poetisch tätig ist oder sich intensiv mit Literatur beschäftigt, eine besondere Beziehung zu entwickeln. Diese Verbindung scheint nach anderen Regeln zu funktionieren als andere Beziehungen. In anderen Verbindungen lernt man sich kennen, findet durch Gespräche und vor allem durch gemeinsame Unternehmungen zueinander. Man versteht sich, bemerkt Ähnlichkeiten oder findet gerade in der Verschiedenheit einen Reiz. Jedenfalls verbringt man im Jetzt Zeit miteinander. Dass beim Verlieben ebenfalls unerklärliche Dinge ihre Wirkung entfalten können, steht außer Frage. Dass man auch in Träumen Antworten finden kann, ist ebenfalls möglich. Dies kann jedem Menschen passieren. Es dient schließlich der Partnerfindung. Im weiten Sinne.
Doch wenn man einen Blick auf die symbiotische Beziehung zwischen Poesie und Anziehungskraft wirft und sich Zusammenhänge konstruiert, muss man Grenzen überwinden. Das beginnt bei der Wahl bestimmter Autoren, die – längst verstorben – nach wie vor eine Faszination auf den Liebhaber ausüben. Für den einen mag Goethe, für andere Rilke, für den Dritten Tieck zu einem Teil in seinem Herzen gehören. Und allen, die schreiben, muss sicherlich nicht erklärt werden, wie das Geschriebene vor, während und nach der Vollendung zu einem untrennbaren Teil in einem selbst wird. Literatur (im Sinne allen ästhetischen Schriftgutes) und Poesie (im Sinne nicht-prosaischer Texte im Speziellen) üben in vielerlei Hinsicht eine Anziehung auf die Menschheit aus. Man will sie bewahren, entdecken und im schlimmsten Fall auch bis aufs Mark auseinandernehmen. Das war ein kurzer Abriss.
Treffen nun zwei Menschen aufeinander, die in dieser Hinsicht ähnlich empfinden, kann es passieren, dass die eben konstruierte gesellschaftliche Symbiose auf eine höhere Ebene erhoben wird: Es besteht die Gefahr, dass eine neue Anziehung im Sinne erotischer Attraktivität entsteht. Einseitig oder gegenseitig. Davon hängt ab, wo das Ganze hinführt: Entweder in eine intensive bis krankhafte Sehnsucht, in Erklärungsversuche, in unerfüllbare Liebe oder aber in eine nährreiche Beziehung, ein Zusammenleben zum beiderseitigen Vorteil, vielleicht sogar für die Ewigkeit. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass diese Symbiose keine Geschlechtergrenzen zu kennen scheint. Schließlich haben zwar wissenschaftlicher bisher konstatieren können, dass Frauen zwar anders schreiben als Männer, doch dass sie grundsätzlich anders lesen (im physikalischen Sinne) und Literatur empfinden können, ist im 21. Jahrhundert Möglicherweise ist die Rezeption unterschiedlich, die jeweilige Interessenlage eine andere. Es kann wohl niemand bestreiten, dass es auch Frauen gibt, die sich für „schaurige Horrorliteratur“ interessieren, und Männer, die gern auch einmal einen „Liebesroman“ lesen. Außerdem ist die Prüfung dieser Sachverhalte nicht Angelegenheit der Ausführungen.
Im biologischen Sinne bezeichnet eine Symbiose das Zusammenleben zweier Lebewesen zum beiderseitigen Vorteil (zum Beispiel in den Bereichen Ernährung oder Schutz). In der Psychologie findet der Begriff Verwendung in Bezug auf menschliche Abhängigkeit innerhalb einer Liebesbeziehung (manchmal auch gebraucht in Zusammenhang mit der elterlichen Liebe zum Kind und dessen Abhängigkeit umgekehrt). Auf die Spitze getrieben schlichtweg auch als Hörigkeit zu bezeichnen. Zwei Ansichten zu einem Begriff, wie man sie unterschiedlich nicht darstellen und auslegen könnte.
Doch in welcher Bedeutung steht nun der Symbiosebegriff zwischen Literatur und Anziehungskraft? Da die Bezeichnung ‚Literatur’ bis heute nicht hinreichend definiert ist, ist der Sachverhalt nicht einfach zu fassen. Allen voran mag das auch daran liegen, dass der Begriff der Attraktivität beziehungsweise Anziehungskraft äußerst subjektiv ist. Um dieser subjektiven Anschauung Rechnung zu tragen und nicht noch mehr mit pseudo-wissenschaftlichen Erklärungsversuchen aufzuwarten, im Folgenden eine kurze Geschichte, die einem Traum entsprang, und überhaupt erst diese intensiven Gedanken über das Thema zutage gefördert hat:

Abenddämmerung an einem lauen Sommerabend. Sie und er laufen mit anderen jungen Menschen über einen großen, mit Schotter bedeckten Parkplatz. Es fällt auf, dass er der Älteste unter ihnen ist und mit seinem akademischen Blick heraussticht. Die Menge aus fünfzehn Personen ist auf dem Weg zu einem großen Gebäude, das in nur kurzer Entfernung steht. Im Haus angekommen, laufen alle zielgerichtet zu einem Restaurant. Er ist dicht neben ihr. Das Restaurant ist heimatlich eingerichtet. Die Holztische und klassischen Stühle lassen es alt und eher wie eine Bierkneipe wirken, die allabendlich von Fernfahrern und nicht von einer literaturinteressierten Gruppe besucht wird. Alle gehen in den hinteren Gäststättenabschnitt und verteilen sich im Raum. Die Stühle reichen nicht für alle und einige, unter anderem auch Sie, nehmen auf den schweren Tischen Platz. Er steht in der Mitte des Raumes und prüft die Leinwand, bevor er den Teleprompter einschaltet. Dumpfes Licht taucht den Raum in kinoähnliche Atmosphäre. Sein Name erscheint auf der Leinwand und er setzt sich zufrieden neben Sie. Alle erwarten gespannt die Ergebnisse, die er ihnen präsentieren würde. Einzelne Namen erscheinen, darunter Zahlenwerte und Zitate von Schriftstellern. Ab und an geht ein Raunen durch den Raum. Ihre Aufregung steigt, als er sich plötzlich zu ihr beugt und leise sagt: „Es hat mich sehr gefreut, aber was hätte es sonst werden sollen? Die Antworten und Darstellungen waren makellos, perfekt und wohlgeformt. Mit der Protagonistin konnte ich sehr gut mitempfinden.“
Mit den letzten Worten legt er seine Hand kaum spürbar um ihre rechte Taille. Sie formt ein verhaltenes ‚Danke’ und erblickt schon ihr Ergebnis auf der Leinwand. Aus dem vorherigen Raunen der Gruppe wird ein Sprechen. Seine Hand. Verschwunden. Sie sieht ihn lächeln.
Kurz vor Ende der Ergebnispräsentation verlässt sie das Zimmer und geht zur Toilette. Der Raum ist kalt und staubig. Sie betrachtet ihr Spiegelbild und schüttelt den Kopf. Ihre Versuche, sich auf diese Art zu beruhigen, misslingen. Sie weiß nicht, was sie gerade fühlt, was mit ihr passiert. Sein Wesen, seine Ausstrahlung und seine warme Hand haben ein Verlangen in ihr entfacht, dass sie vor langer Zeit einmal gekannt hat. Doch in der letzten Zeit…Sie schließt die Augen und stellt sich ihn vor – wie er Worte formt und dabei gestikuliert, wie er im leicht geöffneten Hemd vor ihr steht, sie anblickt und lächelt. Glücksgefühle durchfluten ihre Adern. Ihr Herz klopft. Noch einmal sieht sie sich im Spiegel an, während sie sich die Hände wäscht, um danach die Toilette zu verlassen.
Gerade läuft das letzte Ergebnis vor ihren Augen ab und es folgen noch einige Zitate. Die Menge wirkt erleichtert und beginnt sich zu den Kleiderhaken in der Ecke zu bewegen. Er bleibt noch kurz sitzen und beobachtet die jungen Menschen. Dann steht er auf und schaltet den Teleprompter mit lockeren Bewegungen aus. Sein Gang grenzt an Weiblichkeit dabei. Sie ist geistesgegenwärtig gewesen und hat das Deckenlicht betätigt. Es macht den Raum nun viel zu hell. Einige verabschieden sich bereits und gehen. Als er gerade dabei ist das Kabel des Teleprompters einzurollen, sieht sie etwas Silbernes an seinem rechten Ringfinger glänzen. Ein ewiger Bund oder ein Schmuckstück?
Nach einigen Minuten sind nur noch die beiden im Raum und es wird still. Nur leise kann man die anderen Gäste des Restaurants hören. Er rollt gerade die Leinwand zusammen und sie schwankt zwischen Angst und Begehren. Doch dann fasst sie sich und geht auf ihn zu. Sie streicht über seinen Arm und er dreht sich zu ihr, die Leinwand in der linken Hand. Die Blicke der beiden treffen sich und sie berührt seine freie Hand, wobei sie noch näher an ihn herantritt. Er umfasst ihre Hand fest, doch dann macht er sich los von ihr und stellt die Leinwand neben den Kleiderhaken ab. Mit einem schnellen Griff nimmt er seine Jacke. Sie steht da und kann kaum atmen. Er tritt noch einmal an sie heran und umarmt sie langsam. Sie erwidert seine Kraft und streicht über das enge T-Shirt an seiner Taille entlang. Sie vergisst zu atmen dabei. Beide stagnieren und fühlen den Moment. Durch ihre Gedanken rauscht ein Zitatenmeer.
„Was hat uns hier nur so zusammengeführt?“, haucht er und lässt sie langsam los.
„Es sind wohl nur…Gefühle, weil ich kaum etwas von dir weiß“, gibt sie zu.
Ein Schweigen entsteht und beide entfernen sich voneinander, wenn auch nicht räumlich. Seine Mimik wechselt vom Ernsten in zartes Lächeln.
„Aufgewachsen bin ich in einer kleinen Stadt. Später hielt ich es dort nicht mehr aus und ging für zwei Jahre nach London. Ich wohnte mit einem Chinesen und einem Franzosen zusammen auf 20 Quadratmeter nahe des Hyde Park. Aber erst in Berlin habe ich mein Glück finden können“, sagt er.
„Ich bin nicht was du willst, hab ich Recht?“, fragt sie nüchtern und wohl wissend, was kommen wird. Doch sie fühlt sich gefasst. Sie weiß, dass sie nicht zu ihm gehört.
„Ich habe bereits, was ich will. Aber deine Nähe ist so anders, sie tut so gut.“
„Ja, so geht es mir auch.“
Sie drückt noch einmal kurz seine Hand.
Dann nimmt auch sie endlich ihre Jacke vom Haken und geht.


03. Februar 2010
© Sina Meißgeier

Die Symbiose von Literatur und Anziehungskraftvon Sina Meißgeier07.2.10
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