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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Die Halskettevon Dietrich Maurer07.2.10
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Kommentar des Autors:
Eine außergewöhnliche Erzählung von einer Halskette, deren Perlen mich an frühe-re Erfahrungen aus meiner Kindheit und Jugend erinnern.

Die Halskette

Heute Abend wolltest du deine schönste Halskette anlegen, weil wir vorhatten auszugehen, und du hast dich besonders schön gemacht. Diese Kette war ein Hochzeitsgeschenk und sie gefiel dir besonders gut mit den schönen perlmuttartigen Perlen. Alle Perlen hatten einen außergewöhnlichen Glanz, aber keine glich der anderen in Form, Größe und Farbe.
Ich war gerade dabei, dir beim Anlegen behilflich zu sein, als ein Missgeschick diesen Vorgang jäh unterbrach. Ich wollte den doppelt gesicherten Verschluss schließen, als die Kette zerriss und die wohlgeordneten Perlen in alle Richtungen zu Boden fielen. Sie sprangen und klickten am Boden und versteckten sich in allen möglichen und unmöglichen Ecken, Kanten und Ritzen, so als wenn sie schon lange auf ihre Freiheit gewartet hätten. Stumm blickte ich in das Gesicht meiner Frau und sah die Tränen über ihre Augen rollen. Mit zwei Fingern wischte ich vorsichtig die Tränen ab und versprach ihr, dass ich jede einzelne Perle suchen und auch finden würde. Ich wollte nicht eher ruhen, bis alle wieder aufgefädelt und die Kette in altem Glanz und in neuer Schönheit strahlen würde.
Zuerst fand ich eine kleine Perle, die sich unter dem Teppichrand verborgen hatte. Ich nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete sie von allen Seiten. Sie strahlte in so schönem Glanz, dass ich von ihr ganz eingenommen war. Sie erinnerte mich an unsere jüngste Tochter, an unseren Sonnenschein, der uns vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang mit Freude und Fröhlichkeit erfüllte.
Oft umarmte sie mich und schenkte mir so viel Liebe, Freude und Spontaneität, dass ich sie nicht mehr loslassen wollte. Wenn sie in ihrer kindlichen und unbefangenen Art redete, dann glaubte ich einen Märchenerzähler zu hören. Sie sprach über Blumen, Tiere und Menschen und erweckte diese zu neuem Leben. Selbst dann, wenn sie einmal ungehorsam war oder etwas Böses glaubte getan zu haben. dann war es uns nicht unmöglich, sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen oder sie gar zu strafen, denn sie hatte ein sicheres Gespür dafür, wie sie Unrecht sehr schnell wieder gut machen konnte. Und gelang ihr dies einmal nicht, dann war sie untröstlich und trauerte so lange, bis alle Unstimmigkeiten wieder geklärt waren.
Die nächste Perle fand ich in unmittelbarer Nähe der weißen Türleiste. Sie war kaum zu erkennen, obwohl sie etwas größer war als die erste. Ich betrachtete sie noch auf dem Boden liegend. Sie war ebenmäßig geformt und zeigte schwache Schattierungen in ihrem Inneren. Ich verglich sie mit meiner erst großen Liebe. Es war während der Schulzeit. Sie fand mich sympathisch und fragte mich bei jeder Gelegenheit, wie sie dies und das in der Schule bewerkstelligen könnte, denn, wenngleich ihre Schönheit außergewöhnlich war, so ließen Intelligenz und Verstand sie oftmals im Stich. Aber jeder Versuch von meiner Seite, ihr etwas näher zu kommen, war erfolglos. Mir schien zu fehlen, was andere Jungen bei ihr auszulösen in der Lage waren. Und einer, der zu meinen guten Freunden zählte, war ihr Auserwählter, von dem sie nicht lassen konnte und dem sie ganz verfallen war. Den größten Schmerz bereitete mir mein Freund selbst, wenn er von diesem Mädchen erzählte, wie sie ihn anhimmelte und sich nach ihm verzehrte. Ich schrieb ihr wunderschöne Liebesbriefe, die sie wohlwollend entgegen nahm und die ihr schmeichelten. Und obwohl sie wusste, wer der Schreiber war, reagierte sie nicht darauf. Als ich sie eines Tages daraufhin zur Rede stellte und fragte, warum sie auf meine Briefe bisher nicht reagierte hatte, antwortete sie kurz und bündig, dass ich ihr guter Freund wäre, auf den sie nicht verzichten wollte. Nach dieser Antwort war ich derart niedergeschlagen, dass ich vor Bitterkeit und Elend meine Liebe zu ihr nicht mehr länger hinnehmen wollte. Fortan ging ich ihr aus dem Weg und war nicht mehr in der Lage, noch irgendwelche Dienste für sie zu tun. Allerdings möchte ich nicht verschweigen, dass ihre Schönheit und ihre faszinierende Anziehungskraft auch weiterhin nicht ohne Wirkung auf mich blieben.
Träumend und nachdenklich stand ich auf und schlenderte einige Schritte durch das Zimmer. Dabei spürte ich unter meinem Fuß eine kleine Unebenheit. Beim genauern Hinsehen erkannte ich eine Perle, die sich im Flor des Teppichs verfangen hatte. Ich nahm sie auf und legte sie zu den anderen in eine Schale. Auffallend war an ihr, dass sie feine Ziselierungen auf ihrer Oberfläche trug, die mich an meinen Deutschlehrer erinnerten, den ich sehr schätzte und bis auf den heutigen Tag noch sehr verehre. Er hat es wie kaum ein anderer Mensch verstanden, meinen Geist und meine Seele zu formen und zu prägen. Dabei waren es nicht so sehr seine umfassenden und detaillierten Kenntnisse in vielen Bereichen von Kultur und Wissenschaft, sondern es war vor allem seine Fähigkeit und sein Geschick auf mich einzugehen. Ich hatte oft das Gefühl, dass er meine Gedanken schon kannte, noch ehe ich in der Lage war, sie in Worte zu fassen. Besonders wohltuend war es, dass er sich Zeit nahm und immer bereit war, sich auf meine Gedankengänge, selbst wenn diese oftmals recht eigenwillig und nicht immer verständlich waren, einzulassen.
Und nun folgte etwas Besonderes, drei kleine Perlen lagen zusammengerollt in einer Ecke; sie kamen mir vor, als hätten sie sich zusammengekauert und wollten nicht erkannt werden. Es waren meine drei Freunde, zu denen ich noch heute ein sehr lebendiges und inniges Verhältnis habe. Kennen gelernt hatten wir uns während des Studiums. Wir verstanden uns von Anfang an gut, und manche Nacht haben wir durchzecht und diskutiert über alles, was uns wichtig war oder uns bedrängte. Es gab nichts, was dem Einzelnen verborgen blieb und ganz gleich, ob jemand von uns Liebeskummer hatte oder im Zwischenexamen durchgefallen war, wir konnten uns auf jeden verlassen. Und frage ich mich, wie so etwas zustande kommt und heute noch viele Belastungen aushält, dann kann ich es mir nur damit erklären, dass ein großes Vertrauensverhältnis, eine absolute Zuverlässigkeit und eine große Offenheit noch immer unter uns sind.
Inzwischen hatte sich die kleine Schale schon mit einer Anzahl von Perlen gefüllt. Und dann begegnete ich einer recht kleinen, die ich bei meinem Rundgang wohl übersehen hatte. Sie erzählte von meiner Kindheit. Zur damaligen Zeit wohnte ich in der Nähe eines geheimnisvollen und naturbelassenen Waldes. Meine Mutter hielt mich zwar jeden Tag aufs Neue dazu an, zunächst meine Hausaufgaben zu machen und dann erst mit meinen Freunden auf Entdeckung in die noch unbekannten Gefilde des Waldes zu gehen. Wenn ich auch keinerlei Interesse am Lernen hatte, so war ich dennoch an Pflanzen, Blumen und Tieren sehr interessiert.
Verstärkt wurde diese Zuneigung zum Lebendigen noch dadurch, dass meine Lehrerin mich bei diesen Interessen sehr unterstützte. So brachte ich denn manche Blume und manche Pflanze mit in den Unterricht, um sie bestimmen oder begutachten zu lassen.
Dieser Wald wurde von einer Bergkette in zwei Teile geteilt. Und so war der Felsen vor allem geeignet, wenn wir dort unsere Eroberungs- oder Verteidigungskämpfe veranstalteten. Es waren Parallelklassen oder Banden aus anderen Dörfern, die unseren Felsen in Beschlag nehmen wollten. Zu Hilfe kam uns eine Höhle, die bestens getarnt war und die uns als Unterschlupf diente. Viele Banden hatten vorzeitig den Kampf aufgegeben oder hatten sich zurückgezogen, wenn wir plötzlich von der Bildfläche verschwunden waren und uns in unsere Höhle verborgen hielten. Von höchster Stelle aus konnten wir die weite Umgebung überblicken. Hier sind wir oft an warmen Sommerabenden gesessen und haben am Lagerfeuer gesungen. Bei manchen Liedern, die ich zuweilen heute noch singe oder höre, erinnere ich mich an diese schöne Kindheit. Ein besonderes Ereignis waren unsere ersten Rauchversuche aus selbst geschnitzten Pfeifen. Den Tabak gewannen wir aus getrockneten Blättern einheimischer Laubbäume oder aus verschiedenen Teesorten, die wir aus der Hausapotheke entwendeten oder sie von unseren großzügigen Großeltern für einen guten Zweck entgegen nehmen konnten. Nicht immer wussten wir die Wirkung der Teesorten richtig einzuschätzen und oft wurde uns danach speiübel oder ein unvorhergesehener Trancezustand überkam uns. Aber gerade dies machte unsere Rauchexperimente so interessant und attraktiv.
Nun hatte ich schon die halbe Nacht damit zugebracht, alle Perlen zu finden und einzusammeln. Ich war mir zwar noch unsicher, ob die Perlen inzwischen wieder alle zusammen waren, aber ich wollte es jetzt damit bewenden lassen, denn der Schlaf schien mich gegen meinen Willen zu überwältigen. Aber dann funkelte unter dem Fernsehtisch ein kleiner Stern, den ich nicht übersehen konnte. Es war wohl die Perle, deren Schönheit ich selbst im Halbschlaf noch erkennen konnte. Ich drehte und wendete sie in meiner Hand und entdeckte die winzigen Stellen, von denen die kleinen Sternchen ausgingen und gleichsam davon flogen. Diese außergewöhnliche Perle, die einzigartig in ihrer Schönheit und Pracht war, konnte nur meiner Frau gehören und nur sie selbst auch darstellen. So wie ich sie liebe, vermag ich in Worten nicht auszudrücken. Ihre ständige Nähe, ihre Wärme und ihr bezaubernder Charme hatte mich stets aufs Neue verwandelt. Wenn mich jemand fragen würde, warum ich sie so sehr liebe, ich wüsste gewiss viel zu erzählen, aber gerecht könnte ich ihr mit meinen Worten nicht werden. Mich faszinierte immer wieder, wie einfühlsam und zärtlich sie sein konnte. Sie spürte, wenn ich etwas mit mir herumtrug oder wenn ich selbst nicht genau erklären konnte, was in mir vorging. Wenn ich schlecht gelaunt oder aus irgendeinem Grund mürrisch war, sie verstand es, mich wieder heiter zu stimmen und mein Durcheinander zu ordnen. Schon oft hatte ich dem lieben Gott für dieses außergewöhnliche Geschenk gedankt, auch wenn ich nicht verstehen konnte, warum es gerade mir zuteil geworden war.
Aber nun war es an der Zeit, alle Perlen wieder aufzufädeln. Ich ordnete sie zunächst und nahm dann Perle für Perle auf und zog sie auf den Faden. Gespannt und aufgeregt beobachtete ich vor allem, ob die Perlen sich auf die alte Länge wieder zusammen fanden. Einige fehlten, aber ich überlegte, dass ich ja auch zu einem späteren Zeitpunkt noch weitere Perlen hinzufügen könnte. So verknotete ich die beiden Enden, nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger und schlich auf leisen Sohlen in unser Schlafzimmer. Meine geliebte Frau schien in tiefem Schlaf mit einem lächelnden und sehr friedlichen Gesichtsausdruck. Ich wollte sie nicht wach machen und legte die Kette behutsam auf ihren Nachtisch.

copyright by dietrich maurer, 30. September 2009

Die Halskettevon Dietrich Maurer07.2.10
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