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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Wohin die Nacht dich führt -- Folge 4von Marcel Nebeling19.4.05
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Kommentar des Autors:
Nächste Folge, HELLS KITCHEN, ist für Anfang Mai geplant.

Wenn die Nacht stirbt



„David..“ Mein Name, der mich aus der Dunkelheit zurück ins Land der Schmerzen zog. Immer wieder. Es gab kein Vergessen, kein Ruhen. Ich hatte mich entschieden und nun ging es immer weiter, ob ich wollte oder nicht. Mein Körper war geschunden, die Erinnerung ein Nebel, der mich ersticken ließ. Ich hatte genug Angst gekostet, ich wollte nicht mehr.

Ich warf den Kopf hin und her. „Nein, nein, NEIN!“

Doch der Fremde gab nicht auf. „David… Wir müssen weiter. Die Zeit, sie läuft uns davon. Komm zurück!

Ich wollte die Augen nicht öffnen, doch es geschah auch so. Zuerst sah ich die Kalkwand, das Blut war noch immer nicht zu leugnen. Ich war noch immer in diesem Haus, dem Haus der Wahrheit.

„Wenn die Nach stirbt, wird auch Sally verloren sein.“, hauchte er mir ins Ohr. Es war, als ob tausend Volt durch mich zuckten. Die Augen schmerzten, die Ohren waren erfüllt von Schmerzensschreien, die Nase roch den Schweiß, das Blut…

„Sally…“, stöhnte ich. Vor meinen Augen verschwamm die Welt und nach und nach wurde mir klar, ich war gefangen in einem Traum, bis ich erwachte. Ich spürte das Rütteln und als ich endlich wirklich die Augen aufriss, aus dem Nichts hinauf ins Jetzt tauchte, befand ich mich auf der Rückbank des Ford Mustangs. Dem Blutgeruch und der Angst wich der Lederduft. Das Schreien in meinen Ohren verklang, wurde vom sanften Gitarrensound aufgesogen. Ich atmete langsam. Als ich an mir herunter sah, das zerfetzte T-Shirt erblickte, ließ ich den Kopf nach hinten fallen und schrie.

Auf dem Fahrersitz hatte sich der Fremde nach hinten gebeugt und lächelte. „Ich denke du bist wieder da.“ Sein Lächeln wirkte unsicher. Auch wenn ich nicht im Geringsten irgendetwas in mir spürte, die Leere mich fast auffraß, versuchte ich zu nicken.

Der Motor röhrte los.

In meinem Gehirn spukten die Geister der vergangenen Nacht. Die Welt war in Grautöne getaucht. Die Nacht begann zu verblassen.

„Wie …“ Ich hustete. „Wie lange noch?“

„Ich beeile mich!“, sagte er nur. Das Raunen des Motors wurde bulliger. Er gab ordentlich Gas.

Ich stützte mich auf, versuchte aus dem Fenster zu blicken. Der Wind hatte die Wolken zerrissen, das Schwarz der Nacht ausgeblichen. Der Morgen würde bald die Welt in Rot tauchen. Ich setzte mich auf, fuhr verschlafen durch mein Haar. Die Schmerzen von der Brust, wo die Narben mich nicht vergessen ließen, dass die Erfahrung im haus Wirklichkeit gewesen war, machten das Atmen und denken zur Qual. Aber Sally brauchte mich.

„Wohin fahren wir?“, fragte ich nach einer Weile.

Er sagt nichts, konzentrierte sich nur auf die Straße, obwohl es da nicht viel gab, worauf man achten musste. Ein langes, graues Band, das durch die Welt schnitt. Die Welt war so einsam. Wir alle hatten uns voneinander entfernt, wir alle verloren einander. Ich spürte die Tränen auf meinen Wangen, aber ich hatte nicht den Mut, sie wegzuwischen. Vielleicht konnte ich so endlich verstehen, was ich tat.

„Es gibt ein Hotel. Besser gesagt, es war eins. Dort werden wir sie finden. Dort hat alles angefangen.“

Ich verstand nicht. „Angefangen?“

„Glaubst du denn, David, sie war schon immer einer von der dunklen Seite?“

Ich musste darüber nachdenken. Ich wusste nicht, was ich überhaupt von Sally dachte. Ich hatte sie geliebt, das hatte nichts mit Denken zu tun, das war in mir, da konnte ich nicht wählen oder drüber entscheiden. Es geschah, so wie ich jetzt in diesem Auto saß, weil ich sie retten wollte. Es gab keine Wahl, alles passierte einfach.

„Ich weiß nicht…“, sagte ich.

So starrten wir hinaus auf den Highway. Die Welt erwachte aus der Dunkelheit. Ich konnte es spüren. In mir regte sich der Wunsch zu erwachen, aber war das nicht schon mein ganzes Leben lang so gewesen? War dies nicht der Grund, warum ich mich in Sally verleibt hatte, dort in der Nacht, als sie vor mir lag, die Scheinwerfer im Gesicht und ich in ihren Opalaugen versank?

„Du weißt meinen Namen, aber ich-„

„Dawn. Man nennt mich Dawn.“ Er suchte mich im Rückspiegel, lächelte und wieder war ich mir nicht sicher, was dieses Lächeln bedeutete. Mitleid? Freude? Angst, die sich als ein Lächeln verkleidete? Der Name schon allein mochte eine Lüge sein, vielleicht war das alles hier nur ein verrücktes Spiel?

„Erzähl mir von Sally. Von deiner Schwester. Wieso ist sie das geworden…“ Ich suchte nach Worten, „So ein Biest?“ Für den Bruchteil einer Sekunde, sah ich sie wieder auf der Theke, die Definition aus Lust, Tod und Sünde.

Er lachte. „Willst du das wirklich wissen?“
„Ja!“ Was sollte dieses Spiel? Ich beugte mich vor, und sah ihn fragend an.

Er beschleunigte mehr und mehr. Er lächelte, er sagt nichts mehr. Die schwindende Nacht mochte ihn antreiben oder er war wütend auf mich. Es kümmerte mich nicht. „Ich will es wissen, verdammt noch mal. Ich will sie retten, aber ich verstehe gar nichts. Was war in diesem Haus? Warst Du das? Was geschieht mit mir, was wird aus uns?“ Wen meinte ich mit uns? Die Menschen, oder mich und Sally?

Er schaltete höher. „Lass mich dir was zeigen, dann gibt’s auch Antworten.“

Der Motor dröhnte, Kraft und Geschwindigkeit verbanden sich. Dawn drehte die Musik lauter. Ich erkannte es und musste lächeln. Highway to Hell, alte Zeiten, Freiheit. Aber irgendwie war mir nicht nach Raserei auf dem Highway zu Mute. Ich wollte Antworten, jetzt!

„Verdammt!“, fluchte ich und schlug auf den Sitz. Immer wieder. Ich rastete richtig aus. Es änderte nichts. Wir donnerten den Highway entlang, flohen vor dem kommenden Morgen.

Später kletterte ich nach vorn, auf den Beifahrersitz. Ich stierte hinaus. Es gab keine Worte zwischen uns. Ich wartete, gab ihm Zeit, sein Versprechen einzulösen.

Schließlich wurde die Einöde unerträglich und ich schlief ein. Vielleicht hatte er darauf gewartet. Es war ein ruhiger Schlaf, Dunkelheit, Wärme und das Gefühl ich selbst zu sein, ließen mich diese Zeit genießen. Nach und nach wurde ich mir bewusst, dass es kein echter Schlaf war. Es war zu realistisch. Die Dunkelheit fast fassbar, als sei sie ein großes Leinentuch auf meinem Gesicht. Schwarz, wie aus einem Sarg. Ich spürte die Wärme dort, wo mein Herz schlug, Plötzlich umhüllte mich feiner Rosenduft. Es war nicht synthetisch wie ein Parfüm, es war so was wie Liebe, wie die reine Lebenslust.

„Wenn die Nacht stirbt“, holte er mich aus dem seltsamen Schlaf zurück, „stirbt auch Sally.“

Eine halbe Stunde später erreichten wir das Hotel.

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