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Wohin die Nacht dich führt -- Folge 2von Marcel Nebeling19.4.05
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Kommentar des Autors:
Es handelt sich hier um eine Art Serie; jeden Monat folgt ein neues Kapitel.

Das Haus der Wahrheit


Irgendwann musste ich eingenickt sein, denn als ich die Augen öffnete war ich allein in dem roten Ford. Die Musik war ebenfalls verschwunden und da war nur das Säuseln des Windes von draußen, der flüsterte und seine wehleidige Melodie ertönen ließ. Draußen warf eine Laterne fahles Licht, ließ Schatten über die Motorhaube kriechen und ich konnte das Haus, vom Licht geblendet, nur schemenhaft ausmachen. Bis auf das Licht am oberen Fenster, schien es ein dunkles, schwarzes Gemäuer zu sein. Ich stieß die Tür auf und stieg aus. Der Wind war nun nicht mehr lau, sondern packte an meinen Haaren mit wütender Kraft. Die Nacht hatte sich in ein heulendes Schattenmeer verwandelt. Kiessteine tanzten auf dem Asphalt des Highways, irgendwo kratzte eine Bierdose oder etwas Ähnliches über den Beton. Ich wollte am liebsten einfach eine Zigarette anstecken, oder auf der Fahrerseite hinter das Lenkrad springen und davonrasen. Denn aus dem Haus hörte ich mit einem Mal diese Schreie.

Jedoch dieser Fremde, wo war er? Ich konnte nicht eher hier verschwinden, bis ich nicht wusste, was mit ihm geschah. Wenn er dort in diesem Haus schrie, dann war es an mir, ihm zu helfen. Er hatte mich vor dem Tod bewahrt und er war der Einzige, der mich verstand, der zu wissen schien, wie diese Welt sich verändert hatte, wie mein Leben anders geworden war mit jedem Tag, jeder Nacht. Er hatte mich nicht verurteilt, sondern verstanden.

Ein unsicherer Blick folgte dem nächsten. Ich versuchte ein klareres Bild dieses Hauses zu kriegen, aber es war ein düsteres Gebilde voller Schatten und wirkte alt, verrottet. Als die Laterne in meinem Rücken war und die Schatten mir vorauseilten, konnte ich nur eines sicher sagen. Dieses Haus war ein unheiliger Platz. Was dort drinnen passierte, wollte ich nicht wissen und dennoch, die Verantwortung, die ich nicht abschütteln konnte, ließ mich auf die Tür zuschreiten. Die Schreie verwoben sich mit dem Heulen des Windes. Ein Klagelied dieser verlorenen Welt.

Die Tür, ein schwarzer Rahmen, war verschlossen. Der blecherne Türknauf ließ sich nicht bewegen und so hämmerte ich gegen das Holz, aber es half nichts. Ich trat einige Schritte zurück und sah zum Fenster hinauf, wo noch immer Licht glomm. Die Stimmen und der Wind umtanzten mich und dann merkte ich, tief in mir regte sich die Erinnerung an Sally, an ihre weinroten Lippen, an die schwarzen Augen, diese Opale der Nacht und an ihre Stimme, die mich damals so faszinierte. In jener Nacht, als sie unter mir lag und wir einander Liebesworte zuflüsterten, hatte ich eine andere Welt erhofft. Nicht diese vom Wind geschundene Welt des Hasses der Menschen und jetzt, was war ich jetzt? Einer von ihnen, oder gehörte ich schon zu dieser anderen Seite der Welt, der dunklen, der blutigen, die den Menschen Angst einflößte? Was war aus mir geworden?

In dieser einen Nacht war unser Mädchen entstanden, das war sicher. Doch es folgten noch viele andere Nächte, später, als ich entdeckte, Sally war nicht an meiner Seite, sie war dort draußen in der Finsternis, allein. Anfangs hatte ich es einfach geschehen lassen, nichts gesagt, nichts dabei gedacht. Ich wusste ja, die Anderem aus dem Dorf nannten sie eine Hexe, sagten Dinge hinter vorgehaltener Hand und warfen uns, wenn wir zusammen die Straße entlang gingen, hasserfüllte Blicke zu. Zuerst dachte ich, es war eben für diese Dörfler nicht zu verstehen, wie einer von ihnen solch eine Frau finden konnte. Aber da waren andere Sachen im Spiel. Ich wusste nicht zu sagen woher Sally kam, hatte sie ja nur durch Zufall kennen gelernt, als sie aus dem Hotel gestürmt war, des Nachts, mir fast vor den Wagen sprang. Ich konnte mich wieder genau erinnern, ihre wehendes Haar, die weit aufgerissenen Augen in meinen Scheinwerfern und das Kreischen, als die Bremsen über den Asphalt Gummi von den Rädern frästen. Ich sprang aus dem Wagen, sie war zu Boden gegangen, lag dort und weinte. Ich hatte nicht gewusst warum, aber ich fühlte in diesem Augenblick ihre Trauer und als ich sie in den Arm nahm, geschah es ganz einfach, dass ich sie auf die Stirn küsste und versuchte sie zu beruhigen.

Jetzt jedoch spürte ich keine Trauer, sondern Wut. Ich hasste mich! In all den Jahren hatte ich nicht verstanden, was aus mir geworden war, als Sally nicht bei mir war, als ich im Gefängnis nachts gegen die kahle Wand meine Trauer kreischte und versuchte zu verstehen, was einfach nicht zu verstehen ist. Mein Leben war zersprungen wie ein Spiegel und jedes Mal wenn ich einen neuen Splitter davon fand, war ich entsetzt, was aus mir geworden war. Damals, als ich sie in den Armen hielt, hatte ich nicht wissen können, dass sie mein Schicksal war. Nun aber konnte ich es nicht leugnen. Wir hatten einander gebraucht.

Doch die Klagelaute ließen die Erinnerungen in einem wilden Regen zerfließen und ich stellte mich dem Jetzt. Ich suchte nach einem zweiten Eingang. Die Schatten waren tief, das alte Haus war zu den Seiten von Brombersträuchern umrankt und erinnerte mich ein wenig an Psycho. Der Kies unter meinen Schuhen knirschte wie tausend Glasscherben. Wie viele Steine mochte es brauchen, bis ich dieses Fenster dort oben in Scherben geschossen hatte?

Ich hielt inne, als mir klar wurde, nicht der Wind heulte, er griff nur nach meinen Haaren, wie ein wilder Geist, sondern aus dem Haus kamen weder Schreie noch Stimmen, es waren seltsame Lieder, Melodien, so verrückt, dass ich nicht fähig war, ihnen länger zu folgen. Und dann geschah es, die Tür schlug im Wind, gegen den Türrahmen, wie ein riesiger fauler Zahn, der nur noch dank der verfaulten Wurzel im Gebiss sitzt. Ein weißes Licht glühte mich an und ich konnte nicht anders, als auf die Tür zuzugehen, die Arme vor dem Gesicht.

In meinem Hirn stürmten plötzlich tausend Geigen ein wildes Intermezzo aus Schreien, Instrumente deren Klang das Leid der Geschundenen symbolisierte, deren Musik durch mich pulsierte. Dann befand ich mich ganz im Weiß. Ein unsichtbares Etwas, dass mich umgab, mich verschluckte und ich hoffte, dies war nicht schlimmer als der Leichenzug, dem ich entkommen war.

Meine Augen schmerzten, überall nur diese heißen Strahlen, diese unglaubliche Wärme, die durch meine Glieder strömte, meine Adern scheinbar zersprengte und die Wut, die wie ein heißes Eisen brannte. Ich sah Gesichter, Erinnerungen mochten es gewesen sein, Schreie auf unzähligen Mündern, Blut zwischen den Lippen, Augen leblos, kalt und verloren, sah mich dort stehen im Nichts, den Revolver, ein silbernes Glitzern in meinen Händen und dann Stille, für den Augenblick, da die Kugel, dessen Mündungsfeuer die Erinnerung durch mein Bewusstsein schleuderte und aus der Erinnerung ein fürchterliches Jetzt, ein Bild der ungeschminkten Wahrheit wurde, die ich all die Jahre verdrängt hatte.

Ein Schattenzimmer, tausend Staubflocken auf dem Boden, die Barstühle auf den Tischen und dort hinten an der Theke liegt die Frau mit den schwarzen Opalaugen, auf ihren Lippen das Blut, rot, feucht und voller Kraft. Ihr Stöhnen, laut, heiß, voller Lust und von heißer Lebensenergie berauscht. Die Brüste hohe Kuppeln, die Nippel rote Knospen in der Nacht. Zu ihren Füßen der leblose Körper, ein Mensch im Nadelstreifenanzug, leblos, weggeworfen, geleert und entwürdigt. Ich sehe all dies durch das Fenster, während die Kälte zu meinem Herz vordringt, und in mir die Liebe erstarrt, das Entsetzen um meine Fassung kämpft und ich fast zusammenbreche. In jener Nacht hatte ich Sallys andere Seite entdeckt. Was mich jedoch erschreckte, war die Macht, die dort in ihr wie eine Blume ihre Schönheit so berauschend, in so grellen, roten Farben zeichnete und das Leben als den Akt aus Tod und Liebe definierte. In diesen Augenblicken, als meine ungläubigen Augen all das dort betrachteten, verlor ich meinen Bezug zur Welt, entdeckte das wirkliche, aufstrebende Reich der Dunkelheit. Eine Welt voller Schatten und Blut, voller Lust und Unvernunft, ohne Regeln und erfüllt von Hass und Gewalt. Doch was unterschied dies von unserer Welt?

Plötzlich war das Heulen von tausend Seelen um mich, als das Weiß mich wieder in der Dunkelheit zurückließ. Ich zitterte, Speichel tropfte aus meinem Mund. Ich lag auf den kalten Holzdielen in einem Haus, irgendwo am Highway, während in meinem Herz die Angst pochte und die Erinnerung mir den Atem in ein hustendes Röcheln zerschnitt.

Schweiß hing mir auf der Stirn und der Schmerz war ein dumpfes Pochen, in den Gliedern. Starb ich hier, jetzt wo ich die Wahrheit wieder entdeckt hatte? Ich verstand nichts und dennoch, tief in mir, gab es ein unheiliges Königreich der verdrängten Erinnerungen, wo nun in dem Schloss all die Tore aufbrachen und Erinnerungen wie unruhige Geister die Gänge entlang huschten.

Wohin die Nacht dich führt -- Folge 2von Marcel Nebeling19.4.05
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