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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Ein Koffer voll Hoffnungvon Marcel Nebeling25.10.04
Gästebuch
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EIN KOFFER VOLL HOFFNUNG




Man sagt in der Dunkelheit liegt Einsamkeit, doch in jener Nacht, verspürte ich nur Hoffnung, dass der nächste Tag noch kommen sollte. Das Rattern des Zuges, der durch das brennende Land donnerte, sich über die Gleise schob, lullte mich ein, aber ich brachte kein Auge zu. Neben mir der Aktenkoffer mit den Plänen zur Rettung des Landes. Überall Feuer, wie Kerzen, mal weit entfernt, dann wieder glühend nah. Das Land starb, der Aufruhr tobte ich saß hier in dem kleinen Abteil, in meinem schwarzen Anzug, mit der roten Krawatte.

Dieser Zug war die letzte Chance. An den Fronten starben Menschen, Schüsse zerfetzten die Stille der Nacht und irgendwo wartete jemand auf diesen Koffer mit den Zeichnungen. Ich wusste selbst nicht, wie dieser Koffer unsere Welt vor dem Untergang bewahren sollte, aber in dem kleinen Hotel, als der alte Mann ihn mir gab, hatte ich Hoffnung gespürt.

Seinen Namen kann ich nicht sagen, er ist mir genauso unbekannt, wie ich mir selbst. Seit Monaten lag ich dort in diesem Zimmer und wartete. Ich spürte, es würde so kommen, dass jemand mich fand und dann würden sie mich vors Kriegsgericht stellen oder was man auch immer mit Soldaten macht, die vor der Erfüllung seiner Pflicht fliehen. Aber ich wollte keinen Krieg, ich wollte einfach nur die Stille eines Sonnenuntergangs, während dein Herz das Blut durch die Adern pumpt und du weißt, das ist Leben. Ich bin kein Mann der Waffen, ich bin ein Schreiberling, schon immer gewesen, aber sie haben mich einfach die Treppen hinunter gestoßen, mich geschlagen und dann auf den Laster gedrängt, der aus meinem Dorf davon fuhr. Auf der Ladefläche waren ein Dutzend Männer, jeder in Gedanken noch bei seiner Familie. Krieg kommt wie ein dunkles Gewitter, aber er verschwindet nicht einfach so. Aber das sollte ich noch lernen.

In jener Nacht, lag ich dort in meinem Zimmer, als der Durst mich heimsuchte. Ich wollte nicht die Treppe hinunter zum Automaten, denn dann würde ich die Blicke der Kinder ertragen müssen, die über ihre Väter weinten, oder die Mütter, deren Augen mich anklagten, denn schließlich waren ihre Männer dort draußen und rollten mit der blutigen Walze des Krieges in Panzern oder schlichen durch Wälder. Aber was ist wichtiger, zu kämpfen oder sich an den Frieden zu erinnern?

Jedenfalls stolperte ich die Stufen hinunter zum Automaten, und als die Münzen durch den Schlitz fielen, fünf Stück, jedes Mal klick, wurde ich der Anwesenheit des alten Mannes gewahr. Er saß dort in der Ecke, paffte eine Pfeife. Die grauen Wolken des Tabaks tanzten zur Decke, im fahlen Schein der Lampe. Ich konnte den Hut sehen, die Gestalt jedoch irgendwie war ein Schatten. Ich erkannte den Krückstock, aber alles Andere war so verschwommen, so im Halbschatten, dass es auch Einbildung sein konnte. Ich stand einen Augenblick da und beobachtete die Pfeife, das Glühen und die Stille um ich ließen alles wie einen seltsamen Traum erscheinen.

Ich wandte mich um, drückte auf das Schild für Cola und schon donnerte die Flasche herunter in die Auffangschale. Als ich mich nach ihr bückte, fragte der Alte: “Letzte Wegzehrung?“. Ich drehte mich um, die Colaflasche in der Hand. Ich blinzelte ungläubig, denn die Gestalt saß noch immer nur da und qualmte.

„Wie meinen?“

Er hustete plötzlich. Es war das Husten einer schwarzen Lunge und dennoch, wirkte es weise, als ob er schon so viel gesehen hatte, dass ihn die Angst um die eigene Gesundheit nicht kümmerte. Schließlich würden wir eh alle sterben. Wenn nicht in diesem Krieg, dann im nächsten. Soviel war schon klar, als er aber sagte: „Na ja, es gibt Dinge, die können nicht mehr länger aufgeschoben werden.“ Er hustete nochmals. „Ich habe hier einen Koffer, mein Junge. Es gibt jemanden, der ihn braucht, so schnell wie möglich.“ Ich verstand nicht.

„Wir brauchen ihn alle, möchte ich sagen. Du wirst jetzt diese Flasche leer trinken und mir zuhören. Dann gehst Du hoch, schnappst deine sieben Sachen und machst dich auf den Weg. Der Zug am letzten Gleis ist deine letzte Chance. Er ist unsere einzige Hoffnung.“

Ich schraubte den Deckel ab, ließ ihn zu Boden fallen, wo er zu den Füßen des Alten kullerte. Für einen Moment war Stille zwischen uns, bis von weiter fern das Weinen eines Kindes zu hören war.

„Ich verstehe nicht. Was ist in dem Koffer?“, fragte ich.

Der Alte erhob sich und trat aus den Schatten. Es war schrecklich. Das Hemd war zerschnitten in Fetzen, Blut strömte den Oberkörper entlang, der Schweiß glänzte im Schein der Lampe und dennoch, er lächelte, als er die Pfeife aus dem Mund nahm. „John, du hasst es richtig gemacht. Du hast nicht gekämpft, bist deinem Land treuer gewesen, als so mancher. Du bist dir treu geblieben, dass ist so wichtig. Wir stehen dort draußen, mit den Schwertern in den Händen, oder stehen wir nun mit Gewehren?“ Er schüttelte den Kopf. „Es macht keinen Unterschied, egal ob dieser Krieg, oder andere davor, wir werden verlieren, wenn wir nicht erkennen, was wir eigentlich alles aufgeben. Du jedoch, hast in deinem Buch über die Erinnerungen geschrieben und das Nacht für Nacht, nicht?“

Ich nickte. Ich hatte wirklich jeden Abend in mein Tagebuch von den Erinnerungen an die Zeit vor dem Krieg geschrieben. Und das, was keine Erinnerungen sein mochten, waren die Träume von der Zukunft, die uns verwehrt schien.

„In diesem Koffer ist die Rettung und nur du hast den Willen und die Kraft, das Ziel zu erreichen.“ Ich wusste nicht, was er damit meinte. Aber seine Wunden verliehen diesen rätselhaften Worten ein Gefühl von Ehrlichkeit, von schmerzlicher Wahrheit Mir wurde plötzlich klar, ich wollte diesen Koffer nehmen und mit ihm zum Bahnhof sprinten. Unser Land war schon zu lange ein Spielfeld für Mächtige. Es war Zeit den Frieden wieder in unsere Herzen zu lassen.

Ich nahm wieder einen großen Schluck. Der Alte biss auf die Pfeife, paffte für ein paar Augenblicke und brach dann zusammen. Ich ließ die Cola fallen, die Flasche zerspritzte am Boden, als ich nach ihm griff, ihn stützte und er gegen die Wand lehnte. Seine vielleicht einstmals blauen Augen, waren grau und glasig, der Mund ein Strich aus Wut und Verzweiflung, als die Pfeife ihm entglitt und der Tod ihn holte. Ich hielt ihn fest an meiner Brust und flüsterte: „Ich werde es tun. Es ist genug.“

Eine halbe Stunde später erreichte ich den alten Bahnhof. Das Chaos des Krieges war auch hier sichtbar. Umgeschmissene Bänke, Unrat und Dreck und auf dem zweiten Gleis stand ein Schreckenszug. Er war beladen mit neuen Maschinen, Panzer und Haubitzen. Todeswerkzeug. Es ging einfach immer weiter, sie würden niemals aufhören, egal wie viel Leben es kostete, wurde mir klar. Der Koffer stieß gegen meine Beine, als ich zu meinem Wagon rannte. Als ich gerade die Tür zu meinem Abteil aufzog, rollte der Zug aus dem Bahnhof. Niemand pfiff, keiner winkte zum Abschied, denn der Krieg hatte sie alle geholt, als Kämpfer oder sie schon verbannt in die Dunkelheit des Todes.

Nun sitze ich hier und warte, bis dieser Zug zum stehen kommt, wo immer das auch sein mag. Ich bin müde, denn der Blick aus dem Fenster, macht mir klar, dass es keine Chance gibt. Der Alte mochte dran geglaubt haben, aber die Wahrheit ist, diese Welt, ein Meer aus Schutt und Asche, eine Ruhestätte für Soldaten, Erdolchte, Erschossene, zu Tode Gefolterte, Opfer, Zivilisten, ist verloren, ein riesiges Grab.

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