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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Flaschenpostvon Marcel Nebeling12.6.04
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Flaschenpost





Im Geflüster des Windes schwangen Stimmen, deren Gezeter mit dem Rauschen des Meeres verschmolz. Das kleine Boot wogte auf und ab zum Wellengang, dessen Farben in allen Blau- und Grautönen spielten. Doch sehen konnte man nur die seltsam gebeugte Gestalt, ihre Silhouette, die sich gegen den roten Ball der untergehenden Sonne erhob. Dies geschah nun Tag um Tag, wenn die Dämmerung sich über das Land schob, wie ein samtener Vorhang. Die Küste selbst erstrahlte in all ihrer Vielfalt, das Meer jedoch bot nur immer das gleiche Trauerspiel. Das Bot wippte im Rhythmus von Ebbe und Flut, folgte jeder Bewegung, schmiegte sich an das Wasser und tanzte. Die Gestalt jedoch begann dieses Mal nicht dem Ritual der vorangegangen Tage und Wochen zu folgen.

Im Bot sprang sie hin und her, tanzte Wild, den Kopf erhoben, die Haare ein flatterndes Banner im Wind, während das Feuer der versinkenden Sonne vom Salzwasser verwischt wurde, bis die ersten blauen Töne am Horizont den Beginn der Nacht abzeichneten. Es war ein seltsamer Tanz, voller ekstatischer Bewegungen und dennoch irgendwie erlahmend, sterbend.

Dieses Mal warf die seltsame Figur die Flasche weiter als sonst und die Wellen trugen sie davon. Vielleicht würde die Botschaft einen Leser finden, würde der gläserne Briefumschlag irgendwo im Sand einer Küste im Sonnenaufgang eines neuen morgens glitzern, -ein gestrandetes Boot voller Hoffnung.

Die Worte würden den Leser gefangen nehmen, ihn verzaubern und dennoch keine Bedeutung haben. Ein Gedicht vielleicht, eine Bekehrung, eine Bitte – all das interessierte nicht. Es ging vielmehr um den Leser, er würde seinen Zweck erfüllen...

Doch bisher hatte die Flasche niemanden erreicht. So walzte auch in jener Nacht der Geist in seinem Bot, tanzte und jauchzte, tanzte und sang sein verlorenes Lied, das von Liebe sowie seinem Schicksal berichtete. In jener Nacht, als der erste Sturm des neuen Jahrhunderts heran brandete, wippte der Geist wild in seinem Boot, doch die Wellen rissen ihn nicht davon, ließen das Boot nicht zerschellen.

Die Sonne war versunken, überließ die Welt der Nacht und mit den ersten Stunden der Dunkelheit kam die Gewalt der Gezeiten. Die Wellen türmten, der Wind zischte und von Norden her grollte Donner vom Sturm kündend. Die Flasche glitt wie eine gläserne Walze über die Wellen, wurde von links nach rechts geschleudert, doch nicht zur Küste hin, wo das Festland im dunklen grau dräute. In ihr der Brief, Zeilen so schmerzvoll, Erfahrungen der Jahrhunderte, Zauberspruch eines Geächteten.

Augenblicke später umschlangen die Wellen das Boot, doch die Gestalt tanzte noch immer zu den nicht hörbaren Melodien. Die Bewegungen erlahmten nicht, wurden aber weicher, langsamer und bildeten einen unnatürlichen Kontrapunkt zum Getose des Sturms. Noch gab es Hoffnung. Die Küste war in Sicht, auch wenn der Sturm das Boot hinaus zu treiben schien, es ruckte und wackelte jedoch nicht unweit jener Stelle, da die Wellen noch weich und zärtlich es getragen hatten. Der Geist war gefangen, es gab kein Entrinnen! Das Bot nur ein Werkzeug eines dunklen Zaubers, eine Ausprägung des Fluchs, dessen Bann keiner zu brechen vermochte.

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