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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Das Bildnis der Schönheitvon Marcel Nebeling06.5.04
Gästebuch
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Das Bildnis der Schönheit




Das Oktoberwetter mit Regen, Regenmänteln, seinen verschnupften Nasen und die hartnäckige Müdigkeit, ließen mich nur langsam erwachen. Ich hatte glücklicher Weise einen Sitzplatz ergattert und während die Straßenbahn über die Gleise rumpelte, versuchte ich noch den Schlaf der vergangenen Nacht abzuschütteln. Die Regentropfen glitten wie tausende Tränen die Scheibe hinab. Der Morgen war noch gar nicht richtig erwacht. Dunkelheit lauerte in den Gassen und dennoch herrschte schon reges Treiben.

Als die Straßenbahn ein zweites Mal hielt, blickte ich eher gelangweilt um mich, bis jenes Gesicht in der Menge auftauchte. Sie mochte etwa in meinem Alter sein, zumindest glaubte ich das und was mir nicht gleich bewusst wurde, war, dass sie ein Geheimnis mit sich trug. Irgendwie aber schien ich es zu spüren, schien zu erahnen, dass diese große in Papier eingeschlagene Pappe ein Geheimnis barg. In jenen Augenblicken, da sie in die Straßenbahn stieg, sich einen Platz im Gedränge suchte und ihre Augen im Getümmel nach scheinbaren Gefahren Ausschau hielten, erwachte meine Neugier.

Mit einem unsanften Ruck zog die Straßenbahn weiter. Ich kannte die Strecke nun seit zwei Wochen, war mir sicher wo ich aussteigen würde. Nichtsdestotrotz aber stierte ich hinaus. Nur um verstohlen das fremde Mädchen zu beobachten. Die Zeit schien zäh dahin zu fließen, ja fast stehen zu bleiben. Ich vergass die Menschen um mich herum, die alte Frau mit dem dicken Furunkel auf der Nase, die sich neben mir beinahe niederfallen ließ und mich gegen das Fenster zwängte, konnte den seltsamenn Bann nicht brechen.

Nachdem meine Augen das goldene Haar abgefahren hatten, über ihre hohen Wangen strachen und ich glaubte sie in einem seltsamen Schein zu sehen, kehrte mein Interesse zu ihrem Schatz zurück. Man konnte nur ahnen wieviel ihr der Inhalt des in Papier geschlagenen Objekts wert sein mochte. Jedoch schien es mir, als ob ihr sprichwörtliches Leben daran hing. Sie strich das Papier immer wieder glatt, während sie abermals nach Jemanden oder Etwas Ausschau hielt. Vielleicht war es ein Bild für die Schule, oder sie studierte hier an der Uni Kunst. In meinem Hirn spukten Bilder von ihr herum. Ich muss gestehen, ich dachte auch an Gemälde des Aktes und vielleicht schob mir das die Röte in den Kopf. Wovon sonst wurde mir so heiß?

Die Bahn hielt abermals. Das Schupfen, Schieben und auch erbostes Gemecker von weiter vorn, holten mich in die kalte Realität des Oktobermorgens zurück. Als ich wieder zu ihr sah, lächelte sie mich an. Ich hatte sie wohl doch zu offensichtlich angestarrt, während in meinen Gedanken seltsame Szenen, Wünsche und auch Gemälde herum kreisten. Noch während ich mir klar wurde, dass ich sie anstarrte und versuchte es zu lassen, verfingen sich meine Gedanken an ihren Lippen. Das rot, die Regentropfen, die dort gehangen hatten, der Wind der durch ihr Haar gestrichen war...

Die alte Frau neben mir erhob sich schwerfällig. Unter Stöhnen und Geächtze machte sie sich auf ihren Weg, an den Leuten vorbei hinaus. Als die Tür zuschlug hinter ihr, nahm das Mädchen Platz, lehnte das unter Papier verborgene Bild an den Sitz und sagte: "Hallo."

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