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Kritik Roman Shortstory Essay Gedicht Kurzprosa
Meeresfiebervon Marcel Nebeling27.2.04
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MEERESFIEBER


Jedes Jahr, wenn die Sonne tief am Himmel hing, wenn die letzten Tage des Jahres nur darauf warteten, in ein neues Jahr hinüber zu wandern, kam Celine an diesen Strand. Eine kalte, grünlich blaue Küste irgendwo auf dieser Welt. Es war ein Ort, an dem Zeit nichts weiter war, als ein Gedanke, für den es keine Grenzen gab. Die alten Hütten trotzten Wind und Wetter und über alledem lag Frieden über der Bucht, durchsetzt von salziger Meeresluft.

Als der Wind um ihre Wangen strich und ihr das lange, rote Haar zerzauste, spürte sie es wieder: Das Meeresfieber! Sie hatte alles stehen und liegen lassen, hatte sich davon gemacht, war viele Meilen durch Tag und Nacht gefahren und endlich war sie hier.

Der alte Leuchtturm warf noch immer jenen seltsamen, gebogenen Schatten längs über das Wasser, als die Sonne weiter hinab sank, um dem kommenden Vollmond den Horizont zu überlassen. Die Stimme des Windes war voll Geflüster, voll verlorener Seelen, die das Meer an sich gerissen hatte und dennoch erfasste sie keine Trauer, bei dem Gedanken daran im Meer zu ertrinken.

Sie hatte nur einen dünnen Mantel über ihre Bluse gezogen und die Fransen an den Säumen der Jeanshose flatterten im Wind. Der Mantel wehte wie eine Fahne auf Halbmast und Celine konnte sich nicht mehr erinnern, wie lang sie hier schon stand. Ihre Halbschuhe waren voll Wasser und so schlüpfte sie einfach aus ihnen heraus. Die Strümpfe waren gleichfalls mit Wasser und Sand vollgesogen.

Wenig später, als sie barfuss im Auf und Ab der Wellen badete, konnte sie neben dem Gebrüll, der gegen die Steilküste donnernden Wellen, eine andere Stimme hören. Unvermittelt lief sie ein paar Schritte in die Wellen hinein, ließ das Wasser gegen ihre Knie schlagen und suchte am Horizont nach einem Zeichen. Sie hörte nur die Stimme, die ein trauriges Lied sang und begann verträumt mit zu summen.

Es war eine Melodie, die tief in ihrer Vergangenheit verankert war und die Erinnerungen, die plötzlich in einem Meer aus Gefühlen ihr Unterbewusstsein überschwemmten, machten ihr Angst. Es war wieder dieser verhängnisvolle Abend, als das Boot weit draußen gegen einen aufkommenden Sturm ankämpfte. Sie konnte die feuchten Regentropfen plötzlich spüren und dann befand sie sich in der Dunkelheit und dem Kreischen des Windes.

Sie zuckte zusammen, dort am Strand und dennoch war sie weiter weg, als je zuvor. Sie sah ihn, seine Augen blitzten, als vom Himmel gleißende Stäbe aufflackerten und ins Meer schossen, begleitet vom mächtigen Donner. Das Schaukeln des Fischkutters war wild und ungezähmt. Sie hatten keine Chance gehabt, dem plötzlich aufflackernden Sturm zu entkommen und er hatte sie erbarmungslos verfolgt. Erst die dunklen Wolkenmassen, die sie jagten und schnell einholten, sie schließlich umschlangen und dann das Brüllen des Gewitters. Die Wellen waren immer weiter empor gestiegen, zu riesigen Wällen aus braunem Wasser.

Der Augenblick, als das Meer ihn ihr entrissen hatte, war zeitlos, wie die Tage und Nächte, die sie Jahr für Jahr an diesem Strand verbrachte, wartend und mit einer fast krankhaften Hoffnung, er würde sie holen. Die Wellen waren wie riesige Tentakel über das Deck geschossen, hatten ihn fortgetragen. Sein Schrei war nichts als Angst gewesen und dennoch glaubte sie, er war glücklich, dort in den Tiefen.

Denn er musste nicht mehr Tag für Tag das Starren der Leute im Dorf ertragen, die nicht verstehen konnten, warum sie sich kaum in der Öffentlichkeit zeigte. Er musste nicht durch die Gänge der Bibliotheken wandern, auf der Suche nach Antworten, für Dinge, die ihr keine Ruhe ließen! Warum kam sie jedes Jahr zur gleichen Zeit, fast wie die Zugvögel, an diesen Strand? Wovor ängstigte sie sich und was war ihr Schicksal?

Das Meer rief nach ihr. Die Geheimnisse, die unter den tobenden Wellen ruhen mochten, machten ihr Angst. Warum war nur sie mit ihrem jämmerlichen Leben davon gekommen und er in den Fluten ertrunken? Sie hatte doch mit ihm leben und sterben wollen! War der simple Wunsch nach Liebe und Geborgenheit ein Fluch?

Doch dann erinnerte sie sich, kurz bevor die Wellen ihren Hals erreichten und sie aus den Gedanken und Sorgen der Vergangenheit erwachte, warum sie hergekommen war. Sie wollte sich verabschieden von ihm, denn Erick, ihr Sohn brauchte sie!

"Er ist genau wie Du", flüsterte sie. Sie schmeckte schon das Salz des Meeres auf den Lippen.

"Er hat deine blauen Augen, Steve!", schrie sie. Das Wasser spritzte ihr in die Nasenlöcher und sie konnte die Kälte spüren.

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